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  Liebe Leserin, lieber Leser,

eine Vorwarnung: Heute geht es hier nicht um Tipps für Ihr Marketing.

Heute nutze ich diesen Newsletter schamlos für eine persönliche Sache aus. Ich möchte Ihnen etwas erzählen, das mich bewegt.

Manche Menschen müssen ja barfuß durch Tibet laufen, um etwas in ihrem Leben zu ändern. Bei mir reichte ein Cluburlaub auf Kreta.

Falls Sie diesen Newsletter regelmäßig lesen, wissen Sie ja schon, dass ich letztes Jahr zum ersten Mal in meinem Leben eine Pauschalreise gemacht habe. Mit meiner Familie habe ich mich im Oktober in ein Flugzeug gesetzt und wird sind 2300 Kilometer von Hamburg aus nach Südosten geflogen, um dort unsere weißen Bäuche in die griechische Herbstsonne zu halten.

Das war schön. Und grotesk.

Zum Beispiel die Unterhaltungen der anderen Deutschen in der Schlange an der Beachbar. Während es in allen Restaurants und Cafés der Anlage echte Teller und Gläser gab, gab es an der Beachbar nur Geschirr aus Plastik. Das erregte sehr das Gemüt meiner Mitreisenden:

„Dieser Plastikmüll, schrecklich.“

„Die Griechen verstehen aber auch nichts von Recycling.“

Irgendwann sah ich einen Familienvater, der sich von Zuhause wiederverwendbare Ikea-Kunststoffbecher mitgebracht hatte: „Weil die Leute hier einfach noch nicht sensibel in Umweltfragen sind.“

Es war verrückt. Da spielten sich Menschen als Umweltschützer auf, die gerade (laut Atmosfair.de) eine ganze Tonne CO2 pro Person in die Luft geblasen hatten, um sich einen Sonnenbrand zu holen. Und die zu faul waren, 50 Meter bis zum nächsten Restaurant zu laufen, wo sie ihre Cola im Glas serviert bekommen hätten.

Als ich aus den Herbstferien zurückkam, bemerkte ich, dass das Phänomen sehr verbreitet ist. Freunde von mir, denen der Umweltschutz sehr am Herzen liegt und die daheim nur Bioprodukte essen, waren gerade aus Bali  zurückgekehrt (8,4 Tonnen CO2) und entsetzt über die Müllmengen. Unsere Nachbarn, die auf Mauritius Urlaub gemacht hatten (6 Tonnen CO2), berichteten Ähnliches: „Das ist so eine Umweltkatastrophe in diesen Ländern. Schlimm, echt.“

Natürlich ist dieser Plastikmüll schlimm. Schlimm ist aber auch diese Doppelmoral: sich selbst wie die größte Umweltsau verhalten und anderen Vorhaltungen machen.

Kurz darauf las ich dann einen Text, der meinen Verdacht bestätigte: Besonders umweltbewusste Menschen verursachen überdurchschnittlich viel CO2.

Warum? Umweltbewusste Menschen haben im Schnitt eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen als der durchschnittliche Bundesbürger. Gleichzeitig fällt die größte Menge der CO2-Produktion auf Heizen, Fernreisen und Auto zurück – alles Bereiche, die man mit steigendem Einkommen eher ausweitet als einschränkt. Wer in einer schlecht isolierten, großen Altbauwohnung wohnt und jährlich in die Sonne fliegt, der kann noch so viel Fahrradfahren und regionales Gemüse kaufen: Seine Klimabilanz ist im Eimer.

Besonders schmerzhaft an der Sache war natürlich der Blick in den Spiegel. Ich bin mit Tschernobyl, Waldsterben, Ozonloch und Dosenpfand aufgewachsen. In meinem Zeugnis der zweiten Klasse stand: „Nicole verfügt über ein erstaunliches Umweltwissen.“ Ich kaufe bio, auch wenn es teurer ist, und nach dem Einkauf packe ich die Sachen in den mitgebrachten Jutebeutel.

Ich gehöre zu denen, die so tun, als seien sie umweltbewusst – und in Wahrheit die Welt verpesten: Allein im vergangenen Jahr bin ich 31 Mal in ein Flugzeug gestiegen. 28 Mal davon aus beruflichen Gründen, oft von Kopenhagen nach Hamburg. Allein meine Flüge haben einen CO2-Ausstoß von 5,6 Tonnen verursacht.

Ich fragte mich, wie ich das meinen Kindern irgendwann mal erklären soll. Aktuellen Prognosen zufolge sind die gerade mal Mitte 20, wenn uns der Klimawandel richtig übel trifft.

Und im Grunde war kein einziger meiner Flüge notwendig. Ich bin ja keine Langstrecke geflogen. Alle Touren hätte ich auch mit dem Zug schaffen können. Das ist zwar teurer und dauert länger. Dafür kann man dort viel besser arbeiten.

Ich habe mich daher entschlossen, Schluss zu machen.

2019 werde ich nicht fliegen. Unseren Urlaub werden wir in einem Ferienhaus in Deutschland verbringen.

Nein, ich will nicht ausschließen, dass ich mir irgendwann nochmal einen Reisetraum erfüllen werde. Schließlich liebe ich es zu reisen. Aber dieses völlig überflüssige Fliegen, für eine Hochzeit nach Mannheim etwa, für einen Städtetrip nach Budapest, fürs Sonnenbaden nach Kreta, für die Arbeit nach Hamburg – das lass' ich jetzt sein. Ich habe mein Kontingent für dieses Leben mehr als aufgebraucht.

Warum ich Ihnen das alles schreibe? Keine Ahnung. Ich habe keine Botschaft für Sie (auch wenn ich immer sage, dass Storytelling ohne Botschaft keinen Sinn macht).

Nur so viel vielleicht: Ich habe die erste zehnstündige Bahnfahrt schon hinter mich gebracht. Sie war sechsmal so teuer wie das entsprechende Flugticket. Die Mitreisenden fand ich nervig. Und trotzdem: Es fühlte sich gut an. Richtig irgendwie.

Herzlich

Nicole Basel
 
 
  P.S.: Nächste Woche gibt es wieder Texter-Tipps von mir. Versprochen.  
 
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